Osternacht Lesungen

Die Schule des Wortes in dem hl. Großen Fest aller Feste

 1. Lesung Gen 1,1-2,2: Schöpfung

Bisweilen ist es gut, bei Adam und Eva anzufangen, um die Bedeutung eines Ereignisses und seiner Umstände besser erklären und verständlich machen zu können. So auch in dieser Nacht der Nächte.

Mit der biblischen Symbolerzählung vom Entstehen und Werden der Erde und ihrer Bewohner wird uns Gott als Urheber allen Lebens vor Augen gestellt. Sein Wort bringt Leben hervor: »Es werde!« In den Kategorien der Naturwissenschaft ist dieser Text nicht zu lesen. Vielmehr steht die Aussage im Vordergrund, dass alles, was ist und sein wird, von Gott ins Dasein gerufen wurde. Die Schöpfung Gottes ist gut, sogar sehr gut – und doch ahnen wir zugleich, dass der Mensch in seiner Verantwortung für Schöpfung und Welt, für die Menschheit und auch sich selbst gegenüber oft weit unter seinem Niveau bleibt. In dieser Nacht der Nächte ahnt der Mensch hoffentlich auch, dass Gott den Menschen zu einem »neuen Werden« in dessen Leben ruft.

2. Lesung Gen 22,1-18: Das Opfer Abrahams

Eine Erzählung, spannend wie ein Krimi. Und wer sie aufmerksam hört, dem drängt sich die Frage auf, wie Gott den Abraham so auf die Probe stellen kann. Doch die Spitze des Texts liegt nicht in der Forderung Gottes, sondern vielmehr im großen Gottvertrauen des Abraham: Dieser glaubte, dass Gott die Macht hat, »Tote zum Leben zu erwecken« (Hebr 1 1,1 9), sodass er seinen erstgeborenen Sohn zur Opferstätte brachte, Isaak aber aufgrund dieses »erprobten« Glaubens nicht opfern musste. Diese Schriftstelle von der »Bindung Isaaks« haben die Kirchenväter auch immer im Hinblick auf das Kreuzesleiden Jesu gelesen. Damit hat dieser Text auch seine Berechtigung, in dieser Nacht verkündet zu werden: Gott ruft aus dem Tod zum Leben, auch schon dort, wo uns die Drohgebärde des Todes in dessen Schatten stellt.

3. Lesung Ex 14,15-15,1: Durchzug durch das Meer

Diese Lesung darf in der Osternacht nicht entfallen! So bekräftigen es alle liturgischen Ordnungen und Vorschriften für die Feier in dieser Nacht. Tatsächlich: Die Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens ist eins der Gründungsdaten des alttestamentlichen Gottesvolks. In dieser Nacht aber dürfen wir diese Geschichte im Licht des österlichen Christus hören und deuten: In ihm sammelt sich die Geschichte Israels. Jesus hat die alte Befreiungsgeschichte eingelöst. Er hat sie nicht nur fortgeschrieben, er hat sie erlöst! In seiner Befreiungsgeschichte ertrank niemand in dunklen Fluten, die Wogen schlugen einzig über Jesus auf Golgota zusammen. Keiner kam zu Tode, nur er selbst! Vor Niemand starb seinetwegen, sondern er starb für die anderen. Jesus ist nicht am Tod vorbeigekommen, sondern durch den Tod hindurch. Gott hat ihn nicht vor dem Scheitern, vor dem Tod das bewahrt, sondern durch den Tod hindurch gerettet. Durch ihn sind die Mächte des Todes, ist der Tod selbst bezwungen: Das ist das Erlösung.

 4. Jes 54,5-14: Gottessegen für das Volk

Gottes unendliche Geduld mit den Menschen! Der Prophet Jesaja sieht die Sündenschuld und die daraus resultierende Not des Volks und ruft nicht einfach nur zur Umkehr auf. Vielmehr setzt er in die Herzen der Menschen das Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit: Gott sieht die Sündenschuld und will die Schwere der Sünde nicht bagatellisieren. Aber er setzt sein Erbarmen dagegen: Nicht Verderben soll seine Antwort sein, sondern Erlösung. Befreiung aus der Versklavung durch die Sünden, Heil und Trost durch die liebende Tat Gottes. Eingebettet in die Lieder vom leidenden Gottesknecht, zeigt diese Schriftstelle die Tiefendimension, mit welcher der Gottesknecht das neue Heil für Zion aufrichten wird: durch das Leiden hindurch zur Erlösung, vom Tod zum Leben.

 5. Jes 55,1-11: Heil für Israel

 Gottes Wort, das ins Leben ruft, auch und gerade aus der Tiefe des Totenreichs. Diesem Wort in seiner ganzen Wirkmächtigkeit soll Israel von Neuem sein Vertrauen schenken. Der Bund, der einst mit den Vätern geschlossen wurde, hat an Gültigkeit nichts eingebüßt. Trotz aller Verfehlungen der Menschen hält Gott in ewiger Treue an seinem Bund und an seiner Zusage fest: »Meine Huld wird nie von dir weichen und der Bund meines Friedens nicht wanken« (Jes 54,10). In Jesus Christus hat die Suchbewegung eine neue Richtung erhalten; in Christus finden wir zu Gott — und durch ihn zu einem erlösten Leben. »Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gelebt« (Joh 1,14).

 6. Lesung Bar 3,9-15,32-4,4: Die göttliche Weisheit, Israels Vorrecht

Das Buch Baruch bezeugt die Neuausrichtung des Volkes Israel durch die Lebenszusage Gottes in seinem Bund. In Anbetracht von Todesgefahr und widriger Lebensumstände gilt es, an das Wort des Lebens zu glauben, das Gott über die Welt und alles Dasein gesprochen hat. Auch der Mensch, der immer wieder an die Grenzen seiner Geschöpflichkeit geführt wird, darf sich nicht aufgeben. Umkehr bedeutet hier, sich immer wieder neu dem Leben zu stellen, es in seiner Tiefe zu entdecken und es mit Bedacht und Weisheit zu gestalten.

 7. Lesung Ez 36,16-17a.18-28: Neues Lied im Land

Das Gottesvolk ist abgestraft worden. Nachdem alles verloren ist und für die Zukunft auch verloren scheint, setzt der Prophet Ezechiel in alle Lebensnot und zugleich in jede Lebenslüge des Menschen das Gotteswort vom Neuanfang. Gott kann nicht einfach ungeschehen machen, was sich ereignet hat, aber er setzt das Zeichen für Umkehr und Versöhnung, damit neues Leben möglich sein kann: ein neues Herz, ein neuer Geist! Es gehört zu der Größe der jüdischen Tradition, dass sie seit Jahrtausenden in den Krisen und Katastrophen der Geschichte nicht an Gott verzweifelt, sondern immer die Neuzusage des Heils zu vernehmen versteht. In diese Schule muss die Christenheit gehen, die ohne ihre jüdische Wurzel nicht lebensfähig wäre.

8. Epistel: Röm 6,3-11: Die Befreiung durch die Taufe

Die Ahnung, die der Mensch in dieser Nacht der Nächte von sich selbst erhält, fasst Paulus in diesen einen Satz zusammen: »So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus.« Ostern bezeichnet den eigentlichen Höhepunkt im Prozess der »Menschwerdung des Menschen« (Karl Rahner S)): als das »Sich-Hineinnehmen-Lassen« in das Christusgeheimnis, um selbst ganz Mensch zu werden, um sich durch das Kreuzesleiden Jesu und seine Auferstehung bis in den letzten Winkel des Menschseins, der Geschöpflichkeit, von Gott her erlösen zu lassen, um so zum Leben zu finden! Das ist das große Versprechen dieser Nacht, das Gott in Jesus Christus eingelöst hat. Freu dich, erlöste Christenheit!

9. Evangelium Mt 28,1-10: Das leere Grab

»Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat« – das ist die Botschaft von Ostern, die Botschaft, mit der alles steht und fällt! Der vom Grab Jesu weggewälzte Stein ist gleichsam der Grundstein, auf dem die Kirche, auf dem aber auch unser Leben und der Sinn unseres Lebens aufgebaut sind. Ostern ist die endgültige Zusage, dass Gott unser Leben zum Gelingen führen will. Seine Treue währt über unser irdisches Leben hinaus, sie umgreift Leben und Tod. Damit ist Ostern die Alternative der Hoffnung zur verbreiteten Hoffnungslosigkeit und Lebensmüdigkeit unserer Zeit. Denn die Auferstehung ereignet sich schon heute. Sie beginnt dort, wo wir aufstehen aus unserem Egoismus und oft bornierten Interessendenken, wo wir uns öffnen für Gerechtigkeit und Liebe, wo wir Vergebung und Versöhnung Raum geben. Sie beginnt dort, wo wir aufstehen aus dem Grab der Mutlosigkeit und der Trägheit, um es neu mit dem Gott zu wagen, bei dem alles möglich ist. Das lässt uns ohne Furcht in die Zukunft schauen und getrost den österlichen Weg einschlagen, den uns Christus mit unserer Taufe eröffnet hat.

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Autore: Bonassi Orazio

Nato a Rezzato in Provincia di Brescia il 27.maggio 1941 Cittadino Tedesco e appartenente al Clero della arcidiocesi di Monaco di Baviera. Ordinato Sacerdote a Brescia il 25 giugno 1966. Residente a Kammlach.