Migrantsein

Migranten sein: ich muss, ich will weg

Die Heimat des Heimatlosen ist der andere“        (Vilém Flusser)

Meine liebe Gemeinde!

Die Perikope von der Flucht nach Ägypten, von der wir im Titelbild dieses Pfarrbriefes eine wunderschöne kunstvolle Darstellung bewundern können, ist mit ähnlichen, antiken Geschichten verwandt, besonders mit den Geschichten von Moses und auch mit der Josefs Geschichte. In diesen Erzählungen können wir einen neuen Schlüssel finden, um das heute so besonders aktuelle Thema der Migration (Wanderung der Völker, Asylanten, In-Not-geratene-Menschen usw.) aus einem positiven Winkel zu verstehen.

Der Philosoph Vilém Flusser, durch die jüdische Weisheit seines Volkes geprägt, hat in seiner Person das Drama des Vertrieben Werdens während des zweiten Weltkrieges erlebt. Am Anfang war Verzweiflung, Leid ohne Hoffnung, „Bodenlosigkeit”, wie er dieses Phänomen beschreibt. Dann aber erfuhr er ein Licht der Hoffnung, das er so beschreibt: „Die Migration ist eine kreative Situation. Und eine schmerzhafte. Wer die Heimat verlässt (aus Zwang oder aus freier Wahl, und beides ist schwer zu unterscheiden) leidet.” Dasselbe erleben wir auch, wenn wir das Gewöhnliche, das Liebgewonnene verlassen müssen, sei es in einem lieben Verwandten oder Freund oder auch in der vertrauten Umgebung, weil wir zu einem neuen Wirkungskreis, zur Suche einer neuen Arbeit, dazu gezwungen werden. Vilém Flussers Gedanken entfalten sich weiter:

Ich wurde mir darüber klar, dass es nicht die Schmerzen eines chirurgischen Eingriffs waren, sondern die einer Entbindung. Ich merkte, dass die durchtrennten Fäden mir Nahrung zugeführt hatten und dass ich jetzt in die Freiheit geworfen war. Ich wurde vom Schwindel der Freiheit erfasst, der sich darin zeigt, dass sich die Frage „frei wovon?” in die Frage „frei wozu?” verkehrt. Und so sind wir alle Migranten: Wesen, die vom Schwindel ergriffen sind.”

 In einem anderen Essay schreibt dieser Philosoph, in Prag 1920 geboren und in Prag 1991 gestorben, wohin er nach vielen Jahren Heimatlosigkeit zurückgekehrt war, um einen Vortrag beim Goethe-Institut zu halten: „Wir Migranten sind die Fenster, durch die die Einheimischen die Welt sehen können. Ein tieferes Geheimnis als dasjenige der geographischen Heimat ist das der Suche nach dem anderen. Die Heimat des Heimatlosen ist der andere. Sollten wir für ihn diese Heimat sein?

Am Weihnachten erleben wir Christen einen Gott, der als Kind zu uns kommt, um uns Heil und Hoffnung zu schenken. Er „migriert” aus dem Schoss des himmlischen Vaters, um für uns da zu sein, um uns endgültig die wahre Heimat zu schenken, die uns niemand entziehen kann. Unsere Heimat ist das himmlische Jerusalem, von dem die Fenster unserer Kirche, im Spiel der Farben und in der Schönheit dramaturgischer, ästhetischer Farbkombinationen, ein Lied aus der Offenbarung des Johannes singen.

So wünsche ich Ihnen allen viele Menschen, die für sie „Heimat” werden und bleiben.

Dr. Orazio Bonassi, Pfarrer

 

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Autore: Bonassi Orazio

Nato a Rezzato in Provincia di Brescia il 27.maggio 1941 Cittadino Tedesco e appartenente al Clero della arcidiocesi di Monaco di Baviera. Ordinato Sacerdote a Brescia il 25 giugno 1966. Residente a Kammlach.